Was ist ein digitaler Wissenszwilling?
Ein digitaler Wissenszwilling ist die digitale Abbildung des Wissens, der Erfahrungen und der Entscheidungslogiken von Personen, Teams oder Organisationen. Er erfasst dokumentiertes Wissen ebenso wie das implizite Erfahrungswissen, das nur im Kopf eines Menschen existiert, strukturiert beides und macht es mithilfe künstlicher Intelligenz kontextbezogen abrufbar. Ziel ist, dieses Wissen für Entscheidungen und Einarbeitung im Unternehmen nutzbar zu halten, auch wenn die Person, von der es stammt, nicht mehr verfügbar ist. Kurz gesagt. Ein technischer digitaler Zwilling bildet ab, wie eine Maschine gerade läuft. Ein digitaler Wissenszwilling bildet ab, was ein Mensch darüber weiß.
Ausführlich beschrieben im Kapitel „Digitale Wissenszwillinge“ in „Künstliche Intelligenz im modernen Wissensmanagement“ (Offergelt, Hofreiter, Steiner, Springer Gabler 2025).“
Was ist ein digitaler Wissenszwilling? 5 Fragen an Prof. Dr. Florian Offergelt
Was ein digitaler Wissenszwilling enthält
Ein Wissenszwilling ist keine Datenbank mit mehr Dokumenten. Er enthält Wissen in Formen, die sich in Dokumenten gar nicht abbilden lassen.
- Explizites Wissen. Prozessbeschreibungen, Handbücher, Reports, Wikis, E-Mails, alles, was bereits irgendwo steht. Das ist der kleinere Teil.
- Wie eine erfahrene Person Situationen einschätzt, welche Anzeichen sie ernst nimmt und welche sie ignoriert, was sie tut, wenn die Regel nicht passt.
- Die Heuristiken hinter Entscheidungen. „Wenn Fehler A zusammen mit Geräusch B auftritt, prüfe zuerst Bauteil C, auch wenn die Diagnose etwas anderes sagt.“
- Wer wen kennt, welche Geschichte ein Kunde hat, warum eine Entscheidung vor Jahren so getroffen wurde und heute noch nachwirkt.
- Wer im Unternehmen zu welcher Frage der richtige Ansprechpartner ist, und warum.
Der technische Kern ist oft ein Sprachmodell mit angebundener Wissensbasis, ergänzt um strukturierte Entscheidungsbäume, Glossare und Szenarien. Die Technik ist austauschbar. Was den Wissenszwilling ausmacht, ist die Qualität dessen, was hineinkommt, und die Art, wie es erhoben wurde. Um einen Wissenszwilling mit impliziten Wissen zu füttern, braucht es einen speziellen Ansatz. Hierfür wurde das IMPRINT™ Framework wurde von Prof. Dr. Florian Offergelt entwickelt
Wo digitale Wissenszwillinge eingesetzt werden
Der bekannteste Anlass ist der Ruhestand. Er ist nicht der einzige. Wissenszwillinge werden eingesetzt, wenn neue Mitarbeitende schneller produktiv werden sollen, wenn ein Werk sein Wissen an einen zweiten Standort übertragen soll, wenn nach einer Übernahme zwei Organisationen zusammenwachsen, wenn Wissen bewusst zurückgehalten wird, oder wenn KI-Anwendungen im Unternehmen eine bessere Datenbasis brauchen.
Unser Podcast zu digitalen Wissenszwillingen
Was ein digitaler Wissenszwilling nicht ist
Der Begriff wird mit mehreren Dingen verwechselt. Die Unterschiede sind für die Praxis wichtig.
Kein digitaler Zwilling im technischen Sinn. Der klassische digitale Zwilling aus der Industrie 4.0 spiegelt den Zustand eines physischen Objekts über Sensordaten, etwa einer Turbine oder einer Fertigungslinie. Ein Wissenszwilling spiegelt keinen Zustand, er spiegelt Können. Beide können zusammenarbeiten, sie sind aber verschiedene Dinge.
Keine Wissensdatenbank. Eine Wissensdatenbank speichert, was jemand hineinschreibt. Ein Wissenszwilling enthält vor allem das, was niemand hineingeschrieben hätte, weil es der Person selbst nicht bewusst war, bis jemand mit der richtigen Methode danach gefragt hat.
Kein Chatbot über Firmendokumente. Ein Chatbot mit angebundenem Dokumentenbestand, technisch meist ein RAG-System, beantwortet Fragen aus dem, was dokumentiert ist. Er kann nur wiedergeben, was in den Dokumenten steht. Der Wissenszwilling ergänzt diese Basis um das Erfahrungswissen, das vorher systematisch erhoben wurde. Die Technik ist ähnlich, der Inhalt ist ein anderer.
Kein Ersatz für Menschen. Ein Wissenszwilling unterstützt Mitarbeitende dabei, auf Erfahrung zuzugreifen, die sie selbst noch nicht haben. Er trifft keine Entscheidungen. Und er wird nur so gut, wie die Menschen, deren Wissen er enthält, bereit waren, es zu teilen.
Häufige Fragen zum digitalen Wissenszwilling
Wie unterscheidet sich ein digitaler Wissenszwilling von einem digitalen Zwilling?
Ein digitaler Zwilling bildet den Zustand eines physischen Objekts über Sensordaten ab, etwa einer Maschine. Ein digitaler Wissenszwilling bildet das Wissen, die Erfahrung und die Entscheidungslogik von Menschen ab. Der eine spiegelt, wie etwas läuft. Der andere spiegelt, was jemand darüber weiß.
Braucht ein digitaler Wissenszwilling künstliche Intelligenz?
Für die Erhebung des Wissens nicht, dafür braucht es Menschen und Methoden. Für die Nutzung in der Regel ja. Ein Sprachmodell macht das erhobene Wissen im Gespräch abrufbar, so dass Mitarbeitende Fragen stellen können und keine Dokumente durchsuchen müssen.
Wer hat den Begriff digitaler Wissenszwilling geprägt?
Der Begriff wird von mehreren Anbietern verwendet. Die hier verwendete Definition, die den Wissenszwilling als Abbildung menschlichen Wissens versteht, stammt von Florian Offergelt, Sebastian Hofreiter und Thomas Steiner und ist 2025 bei Springer Gabler erschienen.
Wer hat den Begriff digitaler Wissenszwilling geprägt?
Der Begriff wird von mehreren Anbietern verwendet. Die hier verwendete Definition, die den Wissenszwilling als Abbildung menschlichen Wissens versteht, stammt von Florian Offergelt, Sebastian Hofreiter und Thomas Steiner und ist 2025 bei Springer Gabler erschienen.
Wie lange dauert es, einen digitalen Wissenszwilling aufzubauen?
Das hängt vom Umfang ab. Die Erhebung des Wissens einer einzelnen Person dauert typischerweise [ZEITRAUM, Florian] und umfasst mehrere Interview- und Validierungsrunden. Der technische Aufbau ist meist der kleinere Teil.